Der Kampf der Islamisten gegen die westliche Zivilisation
Aufschrei gegen Ungerechtigkeit und Unmoral oder Rückfall in das Mittelalter?
Verfasser: E. Melzer
Datum: Juni 2003
A. Nicht erst seit dem 11. September 2001 sind die Aktivitäten der militanten Islamisten weltweit ein Thema, welches Medien, Politiker, Islamforscher
und Geheimdienste beschäftigt. Brutale Anschläge islamischer Terroristen gegen die eigenen Regime, z.B. in Ägypten und Algerien aber auch auf Einrichtungen und Bürger
westlicher Staaten, wiesen schon seit Jahren darauf hin, dass sich der inner-islamische Konklikt zwischen den gemässigten, westlich orientierten Moslems und den militanten Islamisten
zu einer internationalen Konfrontation auszuweiten begonnen hatte. Als politische Flüchtlinge hatten Islamisten seit vielen Jahren in westlichen Staaten politisches Asyl gesucht und
gefunden. Dort hatten sie die gemässigten islamischen Zentren mit fundamentalistischem Gedankengut infiziert und mit dem Aufbau konspirativer Netze für "Fund Raising",
Rekrutierung von "Militants" sowie mit der Planung und Durchführung von Terroranschlägen zunächst in den Heimatländern und danach auch weltweit begonnen.
In vielen westlichen Staaten wie Deutschland, Dänemark und England lagen Informationen über Namen der militanten Islamisten und ihre Aktivitäten den Geheimdiensten vor,
bereitgestellt von arabischen Partnerdiensten. Leider taten jedoch viele Politiker aus dem linken Spektrum, blauäugige Asylricher und selbsternannte Menschenrechtsvertreter diese
Informationen als böswillige Fabrikationen autoritärer islamischer Regime gegen ins Ausland geflüchtete Oppositionelle ab.
Der Historiker Samuel Huntington, der schon zu Beginn der 90-er Jahre mit seiner Denkschrift "The Clash of Civilizations" auf diesen neuen internationalen Konflikt hingewiesen hatte,
wurde vor allem in der deutschen Presse als Schwarzseher kritisiert. Aber auch andere Publizisten, die eindringlich vor einer zunehmenden Radikalisierung im Islam warnten, diffamierte man
als moderne Kreuzritter.
Vieles änderte sich abrupt nach dem 11. September 2001. Plötzlich waren die Medien voll mit Berichten, Kommentaren und Analysen über islamischen Fundamentalismus und
Terrorismus und wiesen auf einen längeren Konflikt mit den Islamisten hin. Der Büchermarkt explodierte geradezu mit Neuerscheinungen über den Islam, seine Geschichte, seine
Gesellschaft und seine heutige Entwicklung, insbesondere seinen radikalen Strömungen. Sicherlich haben die vielen Beiträge zu diesem Thema die Bürger in den westlichen
Staaten über Fragen des Islams erhellen können, häufig aber eine gute Erklärung der Kernfrage nach dem "warum" nicht geliefert.
B. Lassen Sie mich zunächst einige Aussagen zum Thema formulieren:
- Fundamentalistische und militante Strömungen im Islam (sogen. Islamismus) gibt es im arabischen Grossraum schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts. U.a. werden die geheimen
Aktivitäten der islamistisch orientierten Moslem-Bruderschaft von Lawrence Durell in seinem 4-bändigen Werk "Das Alexandria Quartett" (ca. Ende der 30er Jahre) anschaulich und
schriftstellerisch gekonnt geschildert. Natürlich sind auch in der Fachliteratur zahlreiche Hinweise auf die Entstehung islamistischer Strömungen zu dieser Zeit in der
Nah-Ost-Region zu finden.
- Die geistigen Väter eines radikalen und militanten Islams sind Imane und Sheihks in den religiösen Zentren der Städte und Dörfer. Als bekanntes Beispiel heute
mag Sheihk Omar Abdul Rahman (der blinde Sheihk) aus dem Nil-Delta dienen, der wegen seiner geistigen Urheberschaft für den ersten Anschlag auf das World Trade Center in den USA
eine lebenslange Haftstrafe verbüsst und in Ägypten wegen terroristischer Aktivitäten "in absentia" zum Tode verurteilt wurde.
- Geistig geschult an Universitäten wie Al Azhar, gelang ihnen die Indoktrinierung und Mobilisierung von grossen Teilen der Bevölkerungen in mehreren Ländern
zunächst gegen die eigenen Regime und heute gegen die westliche Zivilisation. Für die mittelalterliche Einstellung vieler islamistischer Geistlicher und Lehrer steht vor allem
der langjährige Al Azhar Moschee- und Universitätsvorsteher Grand Sheihk Gad El Haq (80er bis Mitte 90er Jahre) in Kairo.
- Die beiden wesentlichen Argumente für die Mobilisierung der Moslems gegen den Westen ist dessen Anerkennung und Unterstützung Israels als dem " Unterdrücker des
Palästinensischen Brudervolkes" und "Besetzer arabischer Gebiete", aber zunehmend auch die der westlichen Gesellschaft unterstellte Verdorbenheit und Unmoral. Sie drohe die
islamische Gesellschaft zu erfassen und den Zorn Allahs über sie kommen zu lassen; der Widerstand dagegen sei eines jeden guten Moslems Pflicht (der Grand Sheihk von Al Azhar 1993
in einer ägyptischen Zeitung).
- Gäbe es den Konflikt zwischen Israel und Palästinensern nicht und herrschte zwischen Israel und seinen Nachbarn Frieden, würde sich der Hass der Islamisten und die
inzwischen auch unter der normalen Bevölkerung islamischer Länder verbreitete Voreingenommenheit gegen die westliche Gesellschaft vermutlich nicht so krass äussern, wie
wir dies heute in Terror-Anschlägen, in den islamischen Medien und auch in Gesprächen mit einfachen Basarhändlern von Casablanca bis Jakarta erleben.
- Eine Lösung für den den internationalen Frieden bedrohenden Konflikt zwischen den militanten Islamisten und Israel besteht aber nur in der Theorie: Israel müsste
bereit sein, seine Souveränität über sein Gebiet an die VN abzugeben. Die VN übernehmen dann die hoheitliche Verantwortung über das gesammte
israelisch-palästinensische Territorium bei lokaler Selbstverwaltung, bis die Einrichtung eines gemeinsamen israelisch-palästinensischen Staates möglich ist.
- In der Praxis jedoch gibt es keinen Lösungsweg für den Nah-Ost-Konflikt, da Israel diesem Verfahren nicht zustimmen und im wesentlichen auf seinen heutigen Positionen
beharren wird. Selten zuvor war Israel religiös-konservativer, politisch und militärisch stärker und in seinen Entscheidungen unabhängiger. Andererseits werden sich
die militanten Islamisten auch in der Zukunft kaum mit dem heutigen Israel abfinden. Ihre Haltung findet heute in den islamischen Ländern mehr Zuspruch und Unterstützung als
je zuvor. Die Anzahl freiwilliger Selbstmord-Bomber unter islamischen Jugendlichen ist unerschöpflich und der Tod im Kampf gegen den Erzfeind wurde zum Ideal.
- Da es wegen unüberbrückbarer Positionsunterschiede zwischen Palästinensern und Israel gegenwärtig keine Lösung für diesen Konflikt gibt, wird die
Instabilität in der Nah-Ost-Region und die Bedrohung der internationalen Sicherheit noch viele Jahre fortbestehen. Auch die neue US-Initiative "Roadmap" wird sich als flop
erweisen.
- Aber auch ohne den israelisch-palästinensischen Konflikt erlebt die Welt das Erwachen der Frustration islamischer Massen, geschürt von ihren radikalen geistlichen
Führern, dass den gläubigen Angehörigen der "wahren Religon" ein nicht annähernd so angenehmes Leben wie den Ungläubigen in den Staaten der unmoralischen
westlichen Welt beschert wird. Die Schuld, so wird ihnen vorgegaukelt, trage ein perfider westlicher Imperialismus unter der Führung der USA. Dieser verhindere die Praktizierung
des wahren Glaubens und damit eine Verbesserung der Lebensumstände. Verstärkt wird dieser Effekt der Wut und Ohnmacht durch die Niederlagen der Taliban/Al Qaeda und der
irakischen Streitkräfte. Eingedenk der glorreichen Siegeszüge zur Zeit der Ausbreitung des Islams und Perioden des Wohlstands erfüllt sie dies mit Zorn und Scham, auch
wenn beide Regime in den meisten islamischen Staaten nicht beliebt waren.
C. In den meisten islamischen Ländern leben die geistlichen Führer der islamischen Gemeinden, d.h. die Imame und Sheihks der Moscheen in den
Städten und Dörfern in demütigender Armut. Anders als ihre christlichen Amtsbrüder müssen sie für ihr Auskommen häufig Tätigkeiten ausüben,
die weit unter ihrem geistigen Niveau liegen (z.B.Betteln). Die Schuld daran geben sie den von ihnen als unislamisch kritisierten Gesellschaftsystemen und den herrschenden politischen
Regimen. Diese anerkennen und gewähren ihnen nicht die im Koran versprochene Stellung. Das Streben sehr vieler islamischer Geistlicher nach Einführung von islamistischen
Gesellschaftssystemen oder auch sogen. Gottesstaaten wie z.B. im Iran dient damit nicht nur der propagierten Rückbesinnung auf die "reine islamische Lehre", sondern hat ganz
handfeste Ziele wie die Verbesserung ihrer eigenen materiellen Lage und ihres politischen Einflusses auf die Macht im Staat.
Hinter dieser Zielsetzung verbirgt sich oft noch der Komplex vieler islamischer Geistlicher, dass von vielen Moslems weltweit nicht die eigene islamische Gesellschaftsform als
erstrebenswert angesehen wurde (und auch noch wird), sondern die der westlichen Staaten, vorzugsweise die Vereinigten Staaten von Amerika. Tausendfache Beispiele belegen, dass sie dem
"Misery of life at home" zu entfliehen und in die "gelobten Länder" USA oder West-Europas zu gelangen versuchen. Um ihre Gläubigen auf Kurs zu bringen, begannen viele islamische
Geistliche daher mit der Verteufelung der westlichen Gesellschaft und der Lobpreisung des einfachen und harten Lebens als der Weg zum Paradies.
D. Bis noch vor wenigen Jahren versuchten militante Islamisten die Bevölkerung in den islamischen Staaten zum Widerstand gegen die herrschenden Regime
und zu Anschlägen auf alles, was den Regimen schaden könnte, aufzurufen. Dies Taktik gaben sie Ende der 90er Jahre aus zweierlei Gründen auf:
- Zum einen mussten sie feststellen, dass die angegriffenen Regime mit Folter, Todesstrafe und Sippenverfolgung hart zurückschlagen konnten und die eigenen Reihen empfindlich
dezimiert wurden;
- Zum anderen machten Anschläge auf den arbeitsintensiven und Devisen bringenden Tourismus Tausende von direkt und indirekt Beschäftigten in dieser Branche brotlos und
nahmen diese damit gegen die Islamisten ein.
Mit ihrer neuen Taktik verlagerten die militanten Islamisten nun das Schwergewicht ihre Aktivitäten weg vom verlustreichen Versuch, die eigenen Regime zu stürzen. Statt dessen
konzentrierten sie ihren "heiligen Krieg" auf den Erzfeind Israel mit Amerika und im weiteren Sinne die westliche Welt mit ihrer Unmoral. Jetzt hat man etwas, mit dem man den eigenen
Regimen nicht mehr so arg auf die Füsse tritt und sich des ungeteilten Beifalls unter der breiten und inzwischen antiwestlich beeinflussten einfachen Bevölkerung in den
islamischen Staaten sicher sein kann. Führer militanter islamistischer Organisationen wie Osama Bin Laden und seine Terror-Organisation Al Qaeda mögen zwar von den
Regime-Führungen islamischer Staaten scharf verurteilt werden, aber bei Bevölkerung dieser Staaten haben sie längst den Status von Volkshelden. Wenn Osama Bin Laden und
Taliban Chef Mullah Omar den Koran in so rückständiger und engstirniger Weise interpretieren, dass dabei am Beispiel Afghanistans ein Steinzeit-Patriarchat entstand, stört
die Bewunderer dabei wenig. Auch übersehen sie in ihrem Gefühlsüberschwang, dass ihre Helden in allen islamischen Ländern, könnten sie es denn, Gottesstaaten nach
ihrem Muster einführen und der Bevölkerung die wenigen Freiheiten, die sich aus den westlichen Gesellschaften in die ihrigen etabliert haben, nehmen würden. Für die
Oberislamisten vom Schlage Osama Bin Laden sind das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichheit der Geschlechter und viele mühsam erkämpfte Errungenschaften
der Menschen in einer demokratischen Gesellschaft nicht Gott gewollt. Für sie gelten nur die Worte Allahs und seines Propheten Mohameds - selbstverständlich in der eigenen
Interpretation. Was für eine Anmassung.
Die geistigen Verwandten Osama Bin Ladens sitzen aber nicht nur in den arabischen Wüsten oder den afghanischen Gebirgstälern. Längst haben sie sich in den islamischen
Zentren westlicher Staaten eingenistet. Unter dem Schutzmantel unserer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft haben sie begonnen, eben diese zu bekämpfen. Sie planen langfristig
und setzen auf demographische Veränderungen - keine völlig abwegige Strategie angesichts des Nachwuchsüberschusses in islamischen Familien gegenüber der negativen
Geburtenrate in angestammten Familien in Europa. Als Beispiel dafür möge der Emir von Köln und seine militant islamistische Organisation dienen. Ähnliche Figuren
finden wir aber auch in England, Frankreich, Dänemark und vielen anderen westlichen Staaten. Ihr Ziel ist die Verbreitung islamistischen Gedankenungutes und der Aufruf zum "heiligen
Krieg" gegen alles, was anders denkt, letztlich aber die Errichtung einer islamistischen Gesellschaftsordnung auch hier. Das bedauerliche und auch alarmierende daran ist, dass die
gemässigten islamische Führungspersönlichkeiten nicht dagegen halten und auf Tauchstation gegangen sind oder aber bei der Frage nach dem eigenen Standort ausweichend
argumentieren. In Interviews, Rundtischgesprächen etc. hört man von ihnen, sie respektierten die demokratische Gesellschaft, aber wo bleiben Worte einer klaren Anerkennung
dieser? Bei uns in Europa wie in den Ländern des Islams fürchten die Gemässigten um ihr Ansehen in den Gemeinden, ihre Position in den Moscheen oder gar um ihr Leben,
sollten sie die Islamisten und ihren religiösen Unfug kritisieren und ihre Gemeinden zu einem klaren Bekenntnis für Freiheit und Demokratie aufrufen.
Es wird Zeit, dass die westliche Gesellschaft nicht nur ihre Fahnder in Polizei und Geheimdiensten einsetzt, um die militanten Islamisten aufzuspüren. Vielmehr sollte sie ihr
geistiges und kulturelles Potential mobilisieren, um dem islamistischen Spuk ein klares Bild von den Werten unsrer demokratischen Gesellschaft entgegenzusetzen und die Köpfe und
Herzen junger Moslems zurückzugewinnen. Einer Islamistin das Kopftuchtragen im Schulunterricht zu verbieten, reicht dabei nicht aus.
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