Nukleare Waffen und Kernenergie - das wirkliche Risiko

23. März 2001
Autor: E. Melzer

A. Mit dem Amtsantritt der Rot-Grünen Regierung unter Bundeskanzler G. Schröder 1998 wurde die Forderung nach Einstellung der Gewinnung von Energie aus Kernkraft insbesondere von Umwelt Minister Trittin mit Vehemenz aufgegriffen. Bereits 1 ½ Jahre später setzt die Regierung den Ausstieg aus der Kernenergie - Gewinnung mit erzwungener Zustimmung der Kernkraftwerksbetreiber durch. Mit Ausnahme von Schweden, dessen Lage im Energiebereich ohnehin nicht mit der in Deutschland verglichen werden kann, gibt es kein anderes grösseres Hi-Tech Land, welches einen ähnlichen Schritt unternommen hätte oder dies in naher Zukunft beabsichtigen wird. Die nachfolgende Denkschrift macht auf diese Diskrepanz aufmerksam und sucht nach Gründen, die zu der einsamen Entscheidung Deutschlands gegenwärtiger Regierung geführt haben könnten. Als Ergebnis stellt sich die Frage, ob die Regierung nicht eine Fehlentscheidung getroffen hat. Informationmaterial über die Gewinnung von Kernenergie, den Betrieb von Kernkraftwerken und die damit verbundenen Sicherheitsvorkehrungen und -risiken steht im Internet in sehr grosser Auswahl zur Verfügung. Dem deutschen Leser dieser Schrift empfehle ich zur Abwechslung mal in US-Quellen zu surfen. Bei grossen Erfahrungen und hohen technischen und ethischen Standards wird in den USA manches zum Thema anders gesehen und weniger dramatisch bewertet als in Deutschland.


B. Was nukleare Bedrohung bedeutet, ist der Menschheit mit den beiden A-Bombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki im Sommer 1945 schlagartig demonstriert worden. Explosionsgewalt, Hitzewelle und Strahlungsverseuchung dieser Waffe in bisher unbekannter Dimension machten erstmalig deutlich, was sich hinter den lapidaren Begriffen Kernspaltung und Kernenergie verbirgt.

Ebenso erfuhr die Welt nur wenige Jahre später, welch ein Segen für die Menschheit mit dem Prozess der Kernspaltung verbunden sein kann, wenn kostbare Energie sauber und nahezu endlos aus dem Betrieb von Kernkraftwerken gewonnen wird. Mit euphorischen Elan wurde Entwicklung und Einsatz dieser neuen Technologie von Wissenschaft, Forschung und Industrie aufgenommen und vorangetrieben. Kaum ein renommierter Atom-Physiker hätte damals vor der friedlichen Nutzung von Kernenergie gewarnt. Dass es heute in Deutschland aber mehr kritische Stimmen zur friedlichen Nutzung der Kernenergie als zu den potentiellen Gefahren des Einsatzes von A-Waffen gibt, ist eine unerwartete Entwicklung in der Geschichte der Kernenergie und sollte einmal analysiert werden.

Gott sei dank hat sich der Einsatz von A-Waffen in kriegerischen Auseinandersetzungen nach dem 2. Weltkrieg bis heute nicht wiederholt. Gleichwohl gab es dafür die sehr reale Möglichkeit, als General McAthur im Koreakrieg und später einige Militärs im Vietnamkrieg dies forderten, sich aber gegen die politische Führung der USA nicht durchsetzen konnte. In den spannungsgeladenen Zeiten des Ost-Westkonfliktes zwischen den Staaten des Warschauer Paktes und der Nato drohte ein Nuklear-Krieg hingegen nie wirklich, da sich beide Seiten der verheerenden Folgen für ihre Länder bewusst waren. Dass es nun - ca. 50 Jahre später - wieder zum Einsatz von Nuklear-Waffen kommen kann, ist seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes und dem Zerfalls des Sowjet-Imperiums durchaus möglich. Zum einen könnte es skrupellosen Herrschern von Paria-Staaten wie den Taliban in Afghanistan oder Terror-Organisationen wie die des radikalen Islamistenführers Osama bin Laden gelingen, A-Waffen in die Hand zu bekommen, um sie gegen vermeintlich verbrecherische und gottlose Staaten wie die USA als Bestrafungsaktion im Namen Allahs einzusetzen. Zum anderen könnten aber auch Staaten, welche erst seit einigen Jahren im Besitz von A-Waffen sind, diese gegen Feindstaaten in irrationaler Kalkulation der Risiken einsetzen, um alte Konflikte ein für allemal für sich zu entscheiden. Die Gefahr einer Eskalation solcher Konflikte und das Risiko einer nuklearen Katastrophe für eine ganze Region sind unüberschaubar. Als Beispiele dafür sind der Grenz- und Gebietskonflikt um Kashmir zwischen Pakistan und Indien sowie der Nah-Ost-Konflikt zwischen Israel und den arabischen Staaten und auch anderen islamischen Staaten wie Iran zu nennen.

Die heute von diesen potentiellen Konfliktherden ausgehende atomare Bedrohung für Natur und Menschheit auch über das Konfliktgebiet hinaus ist nicht fiktiv sondern sehr real. Doch sehen wir von Greenpeace, den deutschen Grünen und ähnlich gesinnten Aktivisten, die sich ihren verschiedenen Verlautbarungen zufolge um die Zukunft der Menschheit und der Erde grosse Sorgen machen, kaum Aktionen und Proteste gegen diese Art der Bedrohung. Wäre ich einer der ihren, so würden mir gewiss Protestmöglichkeiten einfallen und einige könnte ich mir spontan dazu vorstellen. Auf die Deutsche Hauptstadt Berlin bezogen, möchte ich daran erinnern, dass die Staaten, welche über Atomwaffen verfügen oder - mehr oder weniger bekannt - daran basteln, allesamt in Berlin mit honorigen Botschaftern vertreten sind. Gehört hat man bislang aber nichts davon, dass vor ihren Residenzen z.B. Mahnwachen postiert, ihre Botschaften besetzt, Botschaftsfahrzeuge behindert oder Botschafter und Botschaftspersonal öffentlicht angeprangert worden wären. Die Palette der Protestmassnahmen lässt sich auf alle Hauptstädte, inbesondere Standorte mit VN-Präsenz dieser Staaten ausdehnen. Was wir bei der IWF-Tagung in Seattle im Sommer 2000 und kurz darauf in Prag erlebt haben, sollte Protestgruppen im Umfeld der Grünen auch in der Frage der Atom-Waffenbedrohung möglich sein. Doch weder hier noch im Ausland ist etwas von der national und international bekannten Protestszene zu hören oder zu sehen.

Die Dynamik der Protestgruppen erwacht aber schlagartig, wenn es um die Diskreditierung der Gewinnung elektrischer Energie aus deutschen Kernkraftwerken geht. Da werden alle Protestregister gezogen, um auf ‘drohende Gefahren für Natur und Mensch’ aufmerksam zu machen. Ich erinnere nur an TV-Reportagen über Gorleben, Castor-Transporte und Inbetriebnahme von Kernkraftwerken. Die lautstarken Gegner der Kernkraft ignorieren dabei aber, dass
  • deutsche Kernkraftwerke im Weltvergleich zu den technisch entwickelsten und sichersten Anlagen zählen,
  • die Gewinnung von Energie aus Kernkraftwerken in Staaten mit geringen eigenen Energiequellen wie Öl, Gas und Kohle ein bedeutender Faktor in der Energiepolitik darstellt,
  • die im eigenen Land erzeugte Energie aus Kernkraftwerken Rohstoffimporte wie Erdöl, Erdgas und Kohle reduziert und damit die Abhängigkeit von diesen Importen verringert sowie die Handelsbilanz zugunsten Deutschlands beeinflusst,
  • Energie aus Kernkraftwerken im Regelfall sauberer als aus Kohlekraftwerken oder ähnlichen Verbrennungsanlagen ist und der Produktionsprozess nur minimal zum ‘Green-House’ Effekt beiträgt,
  • die Energiegewinnung aus Kernkraftwerken durch die Möglichkeit der Wiederaufbereitung der Brennstäbe einen nahezu unerschöpflichen Energieerzeugungskreislauf darstellt und somit den Verbrauch der nicht erneuerbaren Energiequellen wie Kohle, Öl und Gas reduziert,
  • die Energiequellen wie Wind, Sonne, Wasser etc., deren Nutzung auch erhebliche und schädliche Eingriffe in die Natur nachsich ziehen können, leider noch lange nicht die Gewinnung von Energie aus Kern-, Öl-, Kohle- und Gaskraftwerken ersetzen werden und
  • gerade wegen der zuletzt genannten Kriterien die weitere Erforschung von Energiegewinnung aus Kernkraft für eine Übergangszeit von ca. 50 Jahren besondere Bedeutung haben und nicht auch noch aufgegeben werden sollte.

Statt nach dem Unfall im ukrainischen Kernkraftwerk von Chernobyl in Deutschland kühlköpfig eine umfassende Überprüfung die Sicherheitslage deutscher Kernkraftwerke zu fordern, haben die Kernkraftgegner eine Anti-Kernenergie-Kampagne gestartet, die in ihrer Unsachlichkeit und Emotionalität ihresgleichen sucht. Es ist sehr aufschlussreich, sich einmal näher mit dem Protestwerk der Kernkraftgegner zu befassen. Es offenbart sich ein raffiniert gestricktes Diffamierungssystem.

Am eindeutigsten ist die verbale Diffamierung des aus Kernkraftwerken gewonnenen Stroms an seiner Kennzeichnung als ‘schmutziger Strom’. Dieser und ähnliche Begriffe dienen der psychologischen Beeinflussung und der Manipulation des Gewissens des unbedarften Stromkundens. Wer will schon sein Wohnzimmer mit schmutzigem Strom beleuchten und beheitzen?

Schon schwieriger wird es, die Diffamierung der technischen Standards und des Sicherheitsniveaus von deutschen Kernkraftwerken zu durchleuchten und zu erkennen. Sogar einige wenige im Grünenrausch verführte Atom-Physiker haben zur Mitwirkung an der Erstellung von unwahrscheinlichen Gefahren-Szenarien verleiten lassen. Ich möchte in diesem Zusammenhang an den Physiker Traube erinnern, der in Fachkreisen jedoch umstritten ist. Eine von geringer Gefahr bis zum Supergau reichende Kategorisierung von technischen Fehlern und Störfällen wurde in Deutschland zum Risikobarometer gemacht. Dabei ist nicht so sehr entscheidend, was für ein Defekt tatsächlich vorgefallen ist, sondern was sich daraus hätte entwickeln können. Die von ‘Selfstyled Experts’ gemeldeten Gefahrendimensionen von Stör- und Problemfällen in deutschen Kernkraftwerken war häufig überzogen und eher hypotetisch. Leider griffen die Anti-Kernkraft-Agitatoren und die Medien in der Berichterstattung darüber lieber auf die spektakulären Mutmassungen von Aussenstehenden und nicht auf der Erklärungen der Kraftwerke zurück. Sehr schnell wurde ihnen Unwahrheit oder Vertuschung unterstellt.

Als ein besonderer Fall dieser Meinungsmache kann die Nichtinbetriebnahme des modernen Kernkraftwerkes Mülheim-Kärlich genannt werden. Eine sehr unwahrscheinliche Erdbebengefährdung wurde von den Kernkraftwerk-Gegnern solange beschworen, bis selbst erfahrenen aber eben nicht in Geologie bewanderten Verwaltungsrichtern nichts anderes übrig blieb, als die Inbetriebnahme zu untersagen. Waren die Richter nun wirklich von den Risiken der Inbetriebnahme des o.a. Kernkraftwerkes überzeugt oder haben sie sich dem Druck der lautstark agierenden Kernkraftgegner als bequemeren Weg gebeugt? Hätte ein vergleichbarer Gerichtshof in Frankreich oder Japan - also in Hi-Tech-Ländern, die auf die Gewinnung von Energie aus Kernkraft setzten - die gleiche Entscheidung getroffen? Wir wissen es nicht! Aber vieles spricht dagegen, da in diesen Ländern über das Thema Kernenergie andere Überzeugungen herrschen. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, dass in deutschen Quellen Informationen über die Verbesserung von Sicherheitsvorkehrungen in den Kernkraftwerken insbesondere denen vom Typ Tschernobyl durch internationale und US-Hilfe kaum zu finden sind.

Wenn also in Deutschland seit dem Regierungswechsel 1998 als einzigem grösseren Hi-Tech-Staat der Ausstieg aus der Kernenergiegewinnung so vehement beschlossen wurde, muss der unbefangene Beobachter sich fragen, welche faktischen oder vielleicht auch nur fiktiven Gründe in Deutschland vorliegen, die zu dem radikalen Umdenken in der Thematik Kernenergiegewinnung geführt haben?
  • Sollten deutschen Nuklear-Wissenschaftler und Experten für den Bau von Kernkraftwerken neue Erkenntnisse über Sicherheitsrisiken vorliegen, die den Experten und Kollegen in anderen Staaten mit modernen Kernkraftwerken nicht bekannt sind.Wohl kaum! Aber wenn dem doch so ist, muss mann sich fragen, warum die Deutschen Experten ihre Besorgnisse nicht so überzeugend übermitteln können, dass ihre Argumente auch akzeptiert würden. Deutsche Teilnahme an internationale Gesprächsforen mit dem Thema ‘Sicherheit von Kernkraftwerken’ gibt es ja genug! Man muss daher zu dem Schluss kommen, dass es den Deutscher wohl nicht nur allein an Überzeugungskraft sondern eben auch an technischen Argumenten fehlt.
  • Auch wäre als Grund denkbar, dass in Deutschland seit dem Regierungswechsel striktere Sicherheitsauflagen bei Bau und Betrieb von Kernkraftwerken als in anderen Staaten gemacht werden und ein Sicherheitskonsens mit diesen Staaten (z.B. zwischen Frankreich und Deutschland) deshalb nicht möglich ist. Dies könnte einerseits bedeuten, dass Staaten wie die USA, Frankreich oder Japan ein höheres Risiko für Ihre Länder einzugehen bereit sind. Andererseits wäre es aber auch denkbar, dass die für den Ausstieg aus der Kernenergie verantwortlichen Politiker in Deutschland die Sicherheitsrisiken nicht richtig erkannt und falsch bewertet haben. Die Feststellung von leitenden Angestellten deutscher Kernkraftwerke, dass gegenwärtig das politische Klima in Deutschland nicht aber die technischen Voraussetzungen den Bau und Betrieb sicherer Kernkraftwerke behinderten, deutet darauf hin.
  • In Kombination mit der zuvorgenannten politischen Fehleinschätzung war es möglich, dass eine relativ kleinen Gruppe von sehr aktiven Umwelt-Aposteln in Deutschland, zu denen allen voran Umwelt-Minister Trittin gehört, ihre überzogenen Ideen von einer heilen Welt mit Unterstützung einer in der Kernenergiefrage irregeführten Wählerschaft in die Politik einbringen und den Ausstieg aus der Kernenergie über Koalitionskompromisse erzwingen konnten. In diesem Fall wäre der Ausstieg aus der Kernenergie noch viel weniger das Ergebnis der Einsicht in die technische Notwendigkeit als allein der Sieg einer ideologisierten Minderheit, welcher zufällig politische Macht beschieden wurde.

C. Als Ergebnis einer jahrelangen Hetzkampagne gegen den Betrieb von Kernkraftwerken unter Heraufbeschwörung lebensbedrohlicher Unfallszenarien hat der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland inzwischen auch über den Kreis der Grünen hinaus einen gewissen Zuspruch unter der deutschen Bevölkerung erhalten. Die Erörterung von Kernenergie-Themen in der öffentlichen Diskussion ist heute so sehr emotional und so wenig rational geprägt, dass die Frage nach weiterer Nutzung und Entwicklung von Kernenergie fast schon zum ‘Thema non grata’ geworden ist. Der deutsche Bürger muss sich sagen lassen, dass er nicht aufgeklärt sondern nur verängstigt wurde.Wer im Internet Aufklärung über Kernenergie im Umfeld der Grünen sucht, kann schon mal erleben, dass er mit dem Sirenenwarngeheul vor Atom-Katastrophen begrüsst wird.

Noch sind die Folgen der Entscheidung der Rot-Grünen Regierungskoalition über den Ausstieg aus der Kernenergiegewinnung für Deutschlands Energieversorgung nicht dramatisch und es ist zu hoffen, dass es sich dabei nur um einen kurzfristigen Ausrutscher handelte. Sollte aber der neu eingeschlagene Weg des Verzichts auf Kernenergie nicht in absehbarer Zeit gestoppt werden, wird uns Deutschen dies eines Tages im wahrsten Sinne des Wortes teuer zu stehen kommen.


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