Der inner-islamische Konflikt in der Nah-Mittel-Ost Region; Ursprünge und Auswirkungen bis heute!

März 2001
Autor: E. Melzer

A. Die religiöse und politische Auseinandersetzung über Richtungen im Islam sind so alt wie der Islam selbst. Über Jahrhunderte hinweg hat sich dabei der Konflikt zwischen Islamisten und gemässigten Moslems als der unüberbrückbarste erwiesen. Interne Richtungskämpfe in den Weltreligionen sind keine ungewöhnlichen Vorgänge; auch in der christlichen und jüdischen Religion hat es diese Konflikte gegeben und gibt es sie noch.

Der Unterschied zwischen dem Islam und den anderen grossen Religionen besteht jedoch darin, dass im Islam die unterschiedlichen Auffassungen über den rechten Pfad der Lehre zwischen den Islamisten und den Herrschern gemässigter islamischer Staaten auch heute noch sehr häufig ausgeschossen wird, während z.B. im Christentum und Judentum zumindest in den letzten 100 Jahren Auseinandersetzungen über die wahre Lehre auf rein geistiger Ebene stattfanden.

Zwar haben sich die beiden grossen Strömungen im Islam, die Sunni mit ihrem geistigen Zentrum in Kairo (der Al Azhar Moshee und Universität) und die Shiiten mit ihrem quasi-geistigen Zentrum in Qom/Iran im wesentlichen arrangiert; aber innerhalb beider religiöser Richtungen, besonders der sunnitischen hält die militante Auseinandersetzung über die Koran getreue Ausrichtung einer islamischen Gesellschaft an und fordert nahezu täglich Opfer.

So haben die Islamisten seit der neuerlichen Rückbesinnung auf die angeblich wahren Werte des Islams seit dem Sturz des Shahs in Persien 1979 in einigen islamischen Staaten an Boden gewonnen. Ihr grosses Ziel, die Einrichtung von Gottesstaaten, haben sie aber nur im Iran, Sudan und Afghanistan erreicht. Mit blutiger Präsenz sorgen sie in anderen Staaten wie Algerien, Ägypten, Jemen, Libanon und Pakistan für erhebliche Unruhe. Doch hat sich in diesen Staaten die Lage in soweit konsolidiert, als mit ihrem Fall unter ein sogenanntes Gottesregime vorläufig nicht zu rechnen ist.


B. Die Ursachen für die innerislamischen Konflikte sind vielfältig und haben auch nicht nur religiöse Hintergründe. Gesellschaftliche, politische und kulturelle Fragen spiele dabei ebenfalls eine bedeutende Rolle. Zwar werden ‘Sittenverfall, Abweichung vom Koran und geistige Überfremdung’ zu allen Zeiten als Grund zur ‘Rückbesinnung auf den wahren Glauben’ angeführt, aber häufig waren es miserable soziale Lebensbedingungen oder auch Machtinteressen der Aufbegehrenden gegen der Herrschaftsklasse, die sich hinter den religiösen Bestrebungen verbargen.

Um die Hintergründe für die religiösen Konflikte im Islam besser verstehen zu können, bedarf es eines Rückblicks auf die Geschichte des Islams. Nach seiner Entstehung und seinem Siegeszug von der arabischen Halbinsel aus über Nordafrika bis nach Spanien und im Osten weit nach Asien hinein, erlebte der Islam Zeiten grosser politischer und militärischer Macht sowie geistiger Blüte. Der Stolz aller Moslems auf diese Epochen ist nicht unbegründet. Doch danach kam es immer wieder zum Zerfall der Herrschaft und auch Fremdherrschaft mit Unterdrückumg und Erniedrigung der Völker der islamischen Welt bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Der langen und rücksichtslosen Herrschaft des osmanischen Reichs folgte eine Aufteilung der Region zwischen den Kolonialmächten England und Frankreich und damit der Einzug westlicher Einflüsse. Als diese die Völker der NMO-Region ab der 50er Jahre in die Unabhängigkeit entliessen, entstanden zunächst Staaten und Herrschafts-systeme, die sich an den europäischen Staaten orientierten. Die Hoffnungen der Islamisten, wie der Moslembruderschaft in Ägypten und anderen Staaten der Region, nunmehr eine mit den Wurzeln des Islams und der eigenen Kultur authentische Gesellschaft einzuführen, erwiesen sich als hinfällig. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit dieser Staaten machten deren Herrscher mehr Schlagzeilen durch ihre Auftritte in den Kasinos an der Riviera und ihre Frauenaffären als durch soziale Reformen in ihren Heimatländern.

Angesichts dieser Verhältnisse blieb es nicht aus, dass in den Folgejahren zumeist junge und ehrgeizige Offiziere aus dem Volke häufig mit Unterstützung der Islamisten die korrupten und unbeliebten Herrscher vertrieben. Nach einem neuen Weg suchend, führten sie einen sozialistisch orientierten Nationalismus ein und setzten sich selbst und ihre engsten militärischen Kampfgefährten an die Spitze der neuen Regime. Als Beispiele dazu wären Oberst Gamal Abdul Nasser in Ägypten, Oberst Hafez Assad in Syrien, Oberst Ghadafi in Libyen, General Saddam Hussein im Irak und Oberst Numeri im Sudan u.a. zu nennen. Nur in Marokko, Jardanien und in den Erdöl reichen Staaten auf der Arabischen Halbinsel (dort ist die Situation ohnehin eine andere) haben sich Königshäuser bis heute halten können.

Bei der Suche nach Unterstützung aus dem Ausland boten sich den neuen Herrschern nach ihrer Abwendung vom Westen in der Regel die Sowjet Union und die anderen sozialistischen Staaten als Verbündete an. Mit deren Hilfe und nach deren Muster bauten sie die neuen Gesellschaftsstrukturen auf und sicherten ihre Macht mit Sicherheits- und Spitzeldiensten nach Art der Stasi und des KGB. Der historische Ablauf der politischen Neuorientierung vollzog sich über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren und begann in Ägypten.

  • 1952 stürzten Offiziere der ägyptischen Streitkräfte das Königshaus und übernahmen die Regierungsgewalt durch den sogenannten ‘Revolutionary Command Council’ unter Führung von Gamal Abdul Nasser.
  • 1963 setzte ein Militärputch von Offizieren der sozialistischen Baath Partei dem halbwegs demokratischen Gesellschaftssystem in Syrien ein Ende. Aus dem Machtkampf der folgenden Jahre ging der Verteidigungsminister Oberst Hafez Assad bis zu seinem Tode im Jahr 2000 als die unangefochtene Führungsfigur hervor.
  • 1963 führte ein Staatsstreich auch im Irak die sozialistische Baath Partei an die Macht. In einer Verfassungsänderung 1968 wird Religionsfreiheit eingeführt und dem Islam nur noch eine private gesellschaftliche Rolle zugeteilt. Auch im Irak liegt die Machtausübung in den Händen eines ‘Revolutionary Command Council’, dem ab 1968 bis in die Gegenwart General Saddam Hussein vorsteht.
  • Ende der 60er Jahre übernimmt im Sudan nach einem Militärputch ein Militärregime unter Führung General Numeri die Macht im Lande und richtet mit Hilfe der Sowjet Union ein pseudosozialistisches Gesellschaftssystem ein.
In anderen islamischen Staaten wie Algerien, Jemen und Afghanistan entstanden ähnliche sozialistische Gesellschaftsstrukturen, die durch ihre weltliche Ausrichtung den Islam als eine alle gesellschaftlichen Lebensbereiche umfassende Religion zukurz kommen liessen. Fanatische und fundamentalistische Moslems in diesen Staaten fühlten sich herausgefordert und der Konflikt mit islamistischen Organisationen wie der Moslembruderschaft in Ägypten und anderen Staaten war vorprogrammiert. Ihre geistigen und politischen Führer hatten darauf gehofft, nach der Entmachtung der alten, westlich orientierten Herrschaftssysteme nunmehr wieder eine rein islamische Gesellschaftsordnung einführen oder gar selbst die Macht im Lande übernehmen zu können. Den neuen Machthabern aus den Reihen der Militärs trauten sie keine allzu lange Überlebenszeit zu und sie glaubten, dass ihre Zeit nunmehr gekommen sei. Dass dem nicht so war, und dass die alten abgelehnten westlichen Einflüsse nun durch ein für die Islamisten ebenfalls unakzeptables sozialistisches Gesellschaftssystem ersetzt wurde, kam ihnen bald schmerzlich zum Bewusstsein. Zunächst traten die Moslembrüder den neuen auf Sozialismus setzenden Militärs in aller Öffentlichkeit entgegen. Aber ihre Aktivitäten und Organisationen wurden verboten. Als die Islamisten nunmehr versuchten, sich im geheimen zu organisieren, den Widerstand aus den Untergrung aufzubauen und mit Anschlägen gegen die neuen Regime aufzuwarten, war die Reaktion schnell und hart. Rigorose Mittel wie extreme Haftbedingungen, Folter, Schauprozesse und Todesurteile setzten den Aktivitäten der islamistischen Opposition bald enge Grenzen und vielen ihrer Anführer blieb nur die Flucht ins Ausland. Auch wenn die Moslembruderschaft und andere islamistische Gruppen als aktive Organisationen zerschlagen werden konnten, blieb unter ihren Anhängern die Leidensgeschichte lebendig:

‘Wieder wird den Völkern des Islams eine fremde Gesellschaftsordnung aufgezwungen und dem guten Moslem ein Leben nach den wahren Regeln und Geboten Allahs und seines Propheten Mohameds verwehrt.’

Kritisiert wird nicht nur die Einführung der Religionsfreiheit und die Reduzierung des gesellschaftlichen Einflusses des Islams, sonder auch die Einführung von Freiheiten wie die Gleichberechtigung der Frau im öffentlichen Leben. Ein besonders wunder Punkt für die Islamisten ist die Propagierung der materiellen, sozialen und kulturellen Überlegenheit des Sozialismus in den Medien, an Schulen und Universitäten verbunden mit gemeinsamer Erziehung von Jungen und Mädchen. Aber auch die Zulassung der Herstellung, des Verkaufs und Konsums von Alkohol ist ihnen ein kräftiger Dorn im Auge.

Den Islamisten gelingt es trotz aller Unterdrückung und Diffamierung in den o.a. Staaten unter der einfachen Bevölkerungsschicht und auch politisch frustrierten Intellektuellen Anhänger zu finden. Die Hoffnung der Regimeführer, die Bevölkerung ihrer Staaten für den neuen gesellschaftlichen Kurs gewinnen zu können, erfüllen sich nicht.

Die Diktatoren in der NMO-Region erkannten dies und begannen sich scheibchenweise auf den Islam zurückzubesinnen. In Ägypten war es Nassers Nachfolger Präsident Anwar Sadad, der sich Ende der 70er Jahre mit der Moslembruderschaft zu arrangieren versuchte. Dass aus diesen Reihen seine späteren Mörder kommen würden, hätter er wohl nicht gedacht. Der Grund für seine Ermordung: Die militanten Islamisten machten ihm zum Vorwurf, mit Israel Frieden geschlossen und die USA als Verbündete ins Land geholt zu haben.

In den Folgejahren ab 1981 erlebten nahezu alle Staaten der Region, in denen ein Versuch mit dem Sosialismus unternommen worden war, eine demonstrative Hinwendung ihrer Führung zum Islam und die Abschaffung einiger von den Islamisten als unislamisch kritisierte Gesetze, meist zulasten der Frau und von Bürgerfreiheiten. Ihre Führer zeigten sich jetzt gern mit islamischen Würdenträgern auf islamischen Festveranstaltungen, zu öffentlichen Gebeten und bei anderen Gelegenheiten mit religiösem Hintergrund.

Dem Volk, welches sich zum Teil von den Islamisten gegen die weltlichen Regime hatte einnehmen lassen, wird nun von den Vertretern der Regierungen in vielen Staaten mit Hilfe der von ihnen kontrollierten Medien die Darstellung eines fortschrittlichen Islams präsentiert. Dies lässt sich gut am Beispiel Ägyptens unter der langjährigen Führung des geschickt taktierenden Staatschefs Hosni Mubarak erkennen.

In einer staatlich gelenkten Medien-Kampagne werden die radikal islamistischen Organisationen Gamaa al Islamia und Jihad zu rein kriminellen Organisationen reduziert. Jegliche religiöse Zielsetzungen werden ihnen abgesprochen. Die einflussreiche Moslembruderschaft wird in ihre Nähe gerückt und gezwungen, sich öffentlich von diesen Gruppen zu distanzieren und ihre Aktivitäten als unislamisch zu verurteilen. Die bisherigen Aktions-Zentren der Islamisten wie die einflussreiche Al Azhar Moschee und Universität, die Gewerkschaften der Lehrer, Anwälte und Ingenieure werden unter staatliche Kontrolle genommen und mit regimtreuen Vertretern besetzt. So wird als erstes der den Islamisten nahe stehende Leiter der Al Azhar Moschee und Universität, Gross-Sheikh Gad Al Haq durch den Saatsmufti Tantavi ersetzt. In 1000en von Moschee landweit, die überwiegend von den Islamisten kontolliert wurden, werden nun vom Religionsministerium ausgesuchte Imame eingesetzt, die vor allem in der wichtigen Freitagspredikt vom Ministerium vorbereitete Texte verlesen und in den Koranschulen für regierungsfreundliche Unterrichte sorgen. Der Islam, dem die Regime u.a. in Kairo, Bagdad und Damaskus in den 60er und 70er Jahren nur eine nachgeordnete gesellschaftliche Bedeutung beigemessen hatten, wird wieder unfassend in das öffentliche Leben einbezogen.

Vielen Ansätzen der Kritik der Islamisten an den herrschenden Verhältnissen wurde damit der Wind aus den Segeln genommen. Hinzu kam, dass die rigorose Behandlung der Bevölkerungen nach der Revolution im Iran (1979) und der Machtübernahme der ‘National Islamic Front’ (NIF) 1989 im Sudan und der noch radikaleren ‘Steinzeit-Islamisten’ Taliban 1996 in Afghanistan sowie der blutige Bügerkrieg der militanten islamistischen Gruppen in Algerien kaum mehr als Model für eine bessere islamische Gesellschaft dienen konnte.

Die Mehrheit der Moslems in Marokko, Tunesien, Ägypten, Syrien, Libanon, Jordanien etc. möchten heute von den Islamisten und ihren Vorstellungen über die Einrichtung von ‘Gottesstaaten’ nichts mehr wissen. Zwar mögen sie von den Mächtigen in ihrem Land auch keine besonders hohe Meinung haben; aber mit den Lebensbedingungen in ihren Ländern haben sie sich im wesentlichen arrangiert und halten sich für gute Moslems, die keiner Moralpredikten und Lebensvorschriften durch die Islamisten bedürfen.


C. Es ist noch nicht eindeutig vorherzusagen, ob die islamistische Welle, die die islamische Welt mit der Rückkehr Ayatollah Khomeinis in den Iran 1979 zu erfassen begann, an Kraft verloren hat und langsam ausrollt oder nur eine Pause vor einem weiteren Siegeszug eingelegt hat. Dass die Tage der militanten Islamisten gezählt sein könnten, dafür gibt es eine Reihe von Zeichen:
  • Im Iran verliert das Mullah Regime an Einfluss und Macht. Die Regierung beginnt die Gesellschaft, wenn auch behutsam, zu öffnen. Die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter diesem Kurs.
  • Das rigorose Regime der Taliban in Afghanistan hat sich weltweit isoliert und erfährt keine Anerkennung. Jüngste Bemühungen seines Aussenministers um internationale Kontakte werden sich nicht ohne Kompromisse des Regimes in Menschenrechtsfragen verwirklichen lassen. Die kürzliche Sprengung von 2 vorislamischen buddhistischen Riesenstatuen als verbotene Götzendarstellungen zeigt, wes Geistes Kind die Führung der Taliban ist.
  • In den meisten Staaten der Region haben die islamistischen Bewegungen ihre alte Bedeutung für die Bevölkerung verloren und führen - ihrer früheren Basen verlustig - einen rücksichtslosen Terrorkampf, der mit religiösen Zielen nichts mehr zu tun hat (Musterbeispiel ist Osama Bin Laden).
  • Die nichtmilitanten islamistischen Bewegungen wie die Moslembruderschaften in Ägypten, Jordanien, Syrien etc. mussten auf Anpassungskurs gehen, da ihnen die Basis wegzulaufen drohte.
Zu dieser Entwicklung beigetragen haben nicht nur verantwortungsvolle politische Führer in den islamischen Staaten, sondern auch die Aktivitäten von Menschenrechtsorganisationen, die Einflüsse der Globalisierung, internationale Medien wie CNN (um nur 1 Beispiel zu nennen) und Internet. Um den militanten Islamisten aber gänzlich den Wind aus den Segeln zu nehmen, ist eine Friedenreglung zwischen Israel und den Palästinensern erforderlich.


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